Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

Wir müssen nun leider zuerst den Tod zweier ehemaliger Mitsänger bekannt machen: Unsere beiden Senioren, beide ehemalige Elblotsen: Folker Hellmeyer und Ernst von Ehren, gingen in den vergangenen Monaten auf die letzte, lange Reise nach Fiddlers Green, das Seemannsparadies, das wir auch in einem Shanty besingen. Die Reihen des Chors lichten sich und bald wird der Chor verschwunden sein. Unsere vielen Bettelbriefe an Hamburger Mäzene haben keinen Erfolg gezeitigt. Es war ein Fehler darauf zu vertrauen. Wenn immer ein Mäzen abtrat, kappten die Nachfolger sofort die Verbindungen. Wir sind zu altmodisch und die letzten unserer Art. Dennoch geschätzt, wenn man uns irgendwo einmal gehört hat.

Wir haben inzwischen einige schöne Auftritte gehabt und sehen weiteren entgegen. Es werden immer mehr Pseudo-shanties fabriziert und uns in regelmäßigen Abständen angeboten. Leider sind die Text- und Tondichter der Meinung, dass es immer noch ruhig und harmonisch an Bord zuginge und dass man an Bord auch noch sänge. Beides stimmt nicht mehr. Gesungen wird von geeigneten Besatzungen allenfalls Karaoke – Schlager von manchmal doch sehr guter gesanglicher Qualität. Aber das ist ein begeisternder Zeitvertreib, kein Arbeitsgesang.

In manchen alten Büchern kann man lesen, dass der Gesang wirklich nur bei harter Arbeit aber dennoch in ruhiger Stimmung aufkam. Bei Katastrophen oder ähnlichen Stimmungen war auch dafür kein Raum und der Vorsänger konnte nur Rhythmus angebende Silben oder Laute herausbringen (Z.B. „The Cruise of the Cachalot“ oder „Eine Reise rund Kap Hoorn“ usw.) Es ist wohl sowieso an Bord weniger gesungen worden, als man hier annahm. Die letzten Segelschiffe hatten vielleicht 12 bis 15 Mann Besatzung. Das waren auf jeder der zwei Wachen sechs bis acht Mann, die sich an Deck regten! Da konnte kein großer kraftvoller Gesang bei der Decksarbeit ertönen. Höchstens bei ruhigen aber kräftigen Arbeiten, wie z. B. Ankerhieven, kam das Shanty-Singen so recht zum Einsatz. Oder beim Verholen in den Häfen, mittels „warpen“ – so jedenfalls schreibt Stan Hugill.

Während ich diese Zeilen schreibe, ist das letzte Hamburger Segelschiff, die „PEKING“ auf ihrer letzten langen Transatlantikreise, die sie an Bord eines Dockschiffes absolviert. Sie wird dann in der Stör, einem Nebenfluss der Elbe, in voraussichtlich jahrelanger Reparatur wieder auf „Vordermann“ gebracht bevor sie in Hamburg der Pflege und des Unterhalts genießt die die fast Hundertjährige verdient. Sie ist sehr heruntergekommen und von ihren englischen und amerikanischen Eigentümern in der Vergangenheit nicht gut behandelt worden.

Über den Sommer hinweg haben wir einige Auftritte anlässlich privater Feiern. Im Herbst steht das traditionelle Waldenau-Konzert (in der dortigen Kreuzkirche) – und dann kommt das Highlight: Unser „Jahreskonzert“ am 2. November, um 1900 h – diesmal wieder, wie schon einige Male vorher im „Kleinen Michel“.

Mit etwas Wehmut haben wir das Ende unseres kollegialen Shantychors Cuxhaven zur Kenntnis genommen. Mit noch trüberen Gedanken verfolge ich die offiziellen Feiern Hamburgs in Berlin, Marseille, St. Petersburg, Shanghai usw. bei denen der Hamburger Lotsenchor nicht mitgenommen wird. Mit der „Elbphilharmonie“ kann man so schön protzen und angeben – da braucht man den Auftritt eines (renommierten) Laienchors nicht mehr. Dabei haben wir die evangelische Hauptkirche St. Peter in Petersburg, das ehemalige Schwimmbad, vor Jahren mit eingeweiht und den Soldatenfriedhof Sologubowka ebenfalls.

Nun, klagen hilft nichts und unser Radius wird langsam kleiner wie das bei Leuten unseres Alters so üblich ist. Theodor Fontane sagt es auf seine Weise:
„Immer enger, leiser, leiser,
ziehen sich die Lebenskreise.
Schwindet hin was prahlt und prunkt,
schwindet Hoffen, Hassen, Lieben.
Und ist nichts in Sicht geblieben
als der letzte dunklen Punkt“

Wir denken daran, vielleicht noch eine CD 7 herauszubringen in ganz kleiner Auflage, nur für uns, um zu dokumentieren, was wir so alles einmal gesungen haben. Damit will ich an diesen klassisch-trüben, kalten sommerlichen Regenabend schließen und uns allen doch noch einen wahren, schönen Sommer wünschen.
Viele Große und alles Gute!

Ihr Dieter Wulf, Kommunikator des Hamburger Lotsenchors